|
H. C. ARTMANN "about Gottfried Helnwein" 1981 einer erstellt die summe seiner beobachtungenin dieser welt der patzer und dämonen. er vernimmt die schreie aus den gekachelten schreckträumen abseits einer satten gesellschaft, die weder mit dem laub der bäume noch mit dem grü n der laubfrösche noch mit den froschaugen des miterlebens zu schaffen habe will. er aber hört manche, die da schreien bis gehirne zerspringen wie lichtjahre, und hört andere, still vor sich hinweinende, deren tropfende tränen eines noch-hoffens mit dem abscheulichen eiskalpell der hoffnungslosigkeit seziert werden. schreien – was ist menschlich daran? was bleibt an ihm menschlich? der kopf ist noch nicht vom rumpf geschnitten, liegt aber bereits auf dem glatten flachen porzellan des behenden chirurgen. eine plastische operation? Eine drastische transplantation? a surgical trick? or a trickster disguised as a surgeon? Wer viel fragt, endet langsam. solange man nicht eines lebewesens schädel mit kalten feuerzangen schlägt bis dieser die anfangsgrü nde des platzens erlernt, mag praktisch angewandte humanität halten – vielleicht bis mitte winter. nachdem die schreie fertiggeschrien sind, ringelt sich die tüllweisse natter des verbands um betroffene glieder, eine gipsfarbene hü lle ü ber die genauere karte eines viertels der verletzungen, inneren, äusseren, ü ber adern, die sich zu schmerzblauen seen ausweiten. los angeles, manhattan, oder das suburbe wien durch ein klinisch einwandfreies sieb auf die melancholischen reste eines infantilen nässers gerü ttelt erschienen am horizont, ein fröstelnder stich durch die männliche psyche, ein fiebriger durch die weibliche. oder ist es der pistolenschuss durch ein blutgefü lltes reagenzglas, das man wieder hinzukriegen sucht mittles saftigem leukoplast? Immer heisst es recht haben und die schatten des unrechts verteidigen, schatten, die wie menetekel an knallharten wänden sozialer anstalten aufkommen, taugiftig, wundrosig, geschwollen, benarbt, auf prothesen laufened, mit armstümpfen flehend . . . um diese zeit klagen viele, es ist februar. Inzwischen ist es mai bis juni geworden, eine schreckliche gasse vorbei an schillernden rissen und rinnsalen verschiedener abgänge, durch seitenwege, die verstopften stirnhöhlen oder nasen ähnelten, durch die engen kanäle blutverlassener venen. einer notiert den neurotischen austritt durch das antiseptische fenster des animalischen ablebens— kein noch so sauberer mantel, der das verdecken kann.
h. c. artman Published in "Helnwein",
ORAC-Pietsch, 1981 "Helnwein",
State Russian Museum, St. Petersburg, 1997 "Helnwein",
Könemann, 1998 ISBN 3-8290-1448-1
|
||